2020 Doppelgänger

Wie oft soll ich das eigentlich noch erklären. Ich bin kein Blutsauger mit Riesenwuchs. Ich hab weder vorne einen Stechrüssel, noch an meinem Hinterteil einen Stachel zum Stechen. - So ein harmloses Kerlchen wie mich, gibt es sehr selten.

Mein Mundwerkzeug ist sogar so klein, dass ich nur den Nektar schlürfen kann, der an der Oberfläche zu finden und gut erreichbar ist, wie Wasser in einer Pfütze. Und als Flieger stell ich mich auch mehr schlecht als recht an - was einer echten Stechmücke niemals passieren würde. Sie können ausgezeichnet und zielgerichtet Fliegen.

 

Die Menschen machen ganz ohne Grund auf uns eine Hexenjagd. Meine Cousins, die Riesenschnaken, haben sie schon fast ausgerottet. Dabei sind seine Jungtiere wichtige Wasserbewohner. Sie leben im Schlamm des Wassers. Dort verarbeiten sie verrottende Pflanzen zu Humuserde. Und weil sie Sauerstoff benötigen, tauchen sie immer mal wieder auf und nehmen diesen in Blasen mit auf den Grund - das reichert das Wasser mit Sauerstoff an, was viele Kleinsttierchen darin und auch die Fische benötigen.

Gut, unsere Larven gebe ich ja zu, sind nicht so ganz ohne. Sie leben im Erdreich der Wiesen und ernähren sich von den Wurzeln der Gräser. Dafür sind sie aber auch beliebte Nahrungsobjekte. Vögel haben unseren Nachwuchs zum Fressen gern und auch die Spitzmäuse und Maulwurfsgrillen.

Doch irgendwie sind auch die anderen Bewohner im Erdboden seltener geworden. Der Boden ist stellenweise so fest, dass sich unsere Kleinen nur direkt unter der Oberfläche aufhalten können und somit nicht zu den Wurzeln in den tieferen Erdlagen vordringen können. Selbst den Gräsern ist es meist nicht möglich ihre Wurzeln richtig tief zu verankern. Und wenn Pflanzen die in die Tiefe wachsenden Wurzeln fehlen, sind sie verletzbarer. Es fehlt der entsprechende Tiefgang, der den Pflanzen wichtige Nährstoffe und Inhaltsstoffe zum besseren Wachstum ermöglichen würde.

 

Ist doch kein Wunder, dass unsere Kleinen sich dann auf wie Schädlinge auswirken, obwohl sie eigentlich ursprünglich nur die Aufgabe hatten, die Pflanzen dazu anzuregen ein größeres Wurzelgeflecht anzulegen.

Der Mensch steht anscheinend auf Monotonie. Er legt ganze Rasenflächen an, die nur einen einzigen Gras-Stamm enthalten. Die Artenvielfalt als Lebensgrundlage ist hier völlig verschwunden.

Stattdessen wird der Rasen dann beständig fein gemäht, gedüngt und mit Eisenstacheln durchlüftet. Der Mensch agiert so egoistisch, als dürfe niemand anderes etwas von seinen heiligen, grünen Gral haben. Er gibt keinem anderen Tierchen die Chance sich in irgendeiner Weise zu "bereichern".

 

Dabei hat kein Wiesenheld vor, dem Menschen etwas weg zu nehmen. Ganz im Gegenteil: unser Dasein auf seinem grünen Paradies würde ihm Arbeit ersparen und sogar vor Krankheiten bewahren!

 

Ich kann einfach nicht glauben, dass der Mensch wirklich so blind ist. Nun ja, er verwechselt eine große Schnake ja auch mit einer kleinen Stechmücke - wirklich gut sehen kann er daher wohl nicht.

Trotzdem, müsste er doch auf irgendeine Art und Weise die positive Seite unseres Daseins merken. Er hat doch auch ein Empfangssystem an seinem Kopf.

 

Gut im Verhältnis gesehen sind unsere Fühler größer als seine Ohren, dennoch müssen diese Dinger doch auch als Sensoren ihren Dienst versehen. Die Gattung Mensch gibt es schließlich auch schon seit etwas mehr als einer Million Jahren... obwohl, vielleicht macht er im Moment eine Art Rückentwicklung durch... wie so eine Art Sicherungssystem gegen Überbevölkerung. Denn, wo die natürlichen Feinde fehlen, muss ein anderer Trick her, der ein Lebewesen in seine naturgemäßen Schranken weißt.

 

Wenn ich so darüber nachdenke, deutet alles darauf hin. Wie sonst kann es sein, dass der Mensch nicht merkt, dass er seine eigenen Lebensgrundlagen zerstört.... der Erdboden braucht unterschiedlich große Arbeiter, die den Boden durchlüften und es den anderen Helfern erst möglich machen ihren Dienst zu tun.

Außerdem: Düngung führt dazu, dass Regenwürmer Probleme bekommen. von dem mal abgesehen, dass sie nicht mehr ihrer Arbeit nachgehen können und krank werden. Dachse und Hasen sind die größten Helfer im Erdreich, gefolgt von den Maulwürfen und Mäusen. Danach kommen die Maulwurfsgrillen, Regenwürmer und Engerlinge. Ein jeder hat so seinen Platz, und wenn einer in der Reihe fehlt, können das die anderen nur schwer wieder gerade biegen. Noch schwerer, wenn gar 3/4 aller Helfer verdrängt werden. Ist doch kein Wunder, wenn dann alles schief läuft!

 

Vielleicht sollte ich mich mal umhören, ob jemand möglicherweise eine Idee für eine entsprechende Brille für den Menschen hat. Wer weiß, vielleicht brauchen sie ja einfach nur die richtigen Gläser, um die Welt und die Natur wieder mit allen Sinnen sehen zu können.

 

Karin Sinnend, Kohlschnake